Samstag, 3. September 2016

Warum in die JAV gehen?

Deine Ausbildung fängt gerade an, alles ist neu und du weißt noch gar nicht, wie das so läuft? Sicherlich wirst du schon bald immer wieder in Situationen kommen, die dich ärgern oder die einfach gar nicht klar gehen. Sei es der Chef, der dich mies behandelt, sei es, dass du den ganzen Tag Sachen erledigen musst, die mit deiner Ausbildung eigentlich gar nichts zu tun haben oder dass du die teure Arbeitskleidung selbst bezahlen musst, obwohl die doch eigentlich von der Firma gestellt werden müsste. Du willst etwas dagegen tun, aber alleine bringt das sowieso nichts? In jedem Fall ist es sinnvoll, sich mit anderen zusammen zu tun, gemeinsam zu kämpfen. Die Möglichkeiten, etwas zu erreichen, steigen damit enorm!

Die Jugend- und Auszubildendenvertretung (JAV) ist ein Gremium, in dem es darum geht, deine Ausbildung zu verbessern. Dazu musst du dich einbringen. Schließlich bist du selbst als Betroffener nah an der Ausbildung dran – oder eher mittendrin. Mit der JAV hast du das gesetzliche Recht, die Qualität deiner Ausbildung zu überwachen und zu verbessern, sowohl in Bezug auf die Inhalte der Ausbildung, als auch was die Behandlung der Azubis angeht. Du kannst beispielsweise an Betriebsratssitzungen teilnehmen und dich dort für deine Bedürfnisse und die deiner Mitazubis einsetzen. Die Zeit, die du für die JAV-Arbeit aufbringst, ist Arbeitszeit, das Material, das du benötigst Arbeitsmaterial – beides muss dir bereit gestellt werden!

Sicher wird das nicht immer einfach, sicher werdet ihr Rückschläge erfahren. Aber es zeigt sich doch immer wieder, dass nur wenn wir kämpfen und uns für unsere Rechte einsetzen, wir diese auch durchsetzen können. Und auch was wir einmal durchgesetzt haben, müssen wir weiter verteidigen. Wir haben es selbst in der Hand. Geschenkt wird uns nichts, so viel steht fest.

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Wichtige Etappen der westdeutschen Gewerkschaftsbewegung

Ver.di, IG Metall und so weiter – alles schonmal gehört. Doch was für eine Geschichte haben diese Organisationen überhaupt, was machen die überhaupt, warum soll ich da mitmachen? Wir erzählen ausgewählte Höhepunkte in einem Zeitstrahl:

1949: Gründung der Einheitsgewerkschaft

Der DGB wie wir ihn heute kennen wurde am 13. Oktober 1949 von 16 Einzelgewerkschaften in Westdeutschland gegründet. Der Aufbau einer Einheitsgewerkschaft hatte anfangs eine ganz klar antifaschistische Stoßrichtung: man begriff damals Kapitalismus, Krieg und Faschismus als einen Zusammenhang. Nach den Erfahrungen während und vor der faschistischen Diktatur war klar: Wir dürfen uns nicht mehr Spalten lassen. Und so wurde auch in Westdeutschland versucht mit dem DGB die gesamte Arbeiterklasse in einem gemeinsamen Verband zu Organisieren.

1965: Kampagne zur Fünf-Tage-Woche

Die Forderung nach gesetzlichen bzw. mindestens aber tariflich verankerten Senkungen der wöchentlichen Arbeitszeit bei vollem Lohnausgleich begleitet die Geschichte der organisierten Arbeiterklasse von Anfang an. 1965 startete der DGB die Kampagne „Samstags gehört Vati mir!“ um die Fünf-Tage-Woche zu erkämpfen. Im selben Jahr wurde die 40-Stunden-Woche für die Druck- und die Zigarettenindustrie tariflich festgelegt.

1967: Die 40-Stunden-Woche setzt sich durch

1967 folgten die Metallindustrie und die Holzverarbeitung. Damit war der Weg für die 40-Stunden-Woche als Standard für die Mehrzahl der verschiedenen Branchen frei. Sie wurde bis 1974 in alle Branchen erfolgreich durchgesetzt.

1973: Erfolgreiche wilde Streiks in Neuss

Im Metallbetrieb Pieburg vereinigen sich erstmals migrantische Arbeiterinnen mit deutschen Facharbeitern und kämpfen gemeinsam und erfolgreich, anfangs auch ohne den Segen der IG Metall, für die Abschaffung der Leichtlohngruppe 2. Der zuständige Polizeipräsident kommentiert: „Wilder Streik – das ist Revolution“.

1984: Höhepunkte der Kämpfe um die 35-Stunden-Woche

In der Druckbranche und in der Metall- und Elektroindustrie kommt es zu den bisher heftigsten Streiks der Nachkriegszeit. Anlass ist der Konflikt um die 35-Stunden-Woche. Dieser Kampf um Arbeitszeitverkürzung hatte eine große gesellschaftliche Bedeutung, die Kampfbereitschaft der KollegInnen war riesig. Was war damals los?
Schon 1970 beschloss die IG Druck und Papier (später IG Medien, heute in ver.di) die Forderung nach einer 35-Stunden-Woche. 1977 hat auch der Gewerkschaftstag der IG Metall die Forderung gegen den Willen der Führung beschlossen. Ein Jahr später begannen dann in der Stahlindustrie die Streiks um die 35-Stunden-Woche. Nachdem zehntausende Stellen abgebaut wurden lag diese Forderung noch mehr auf der Hand. Doch die Bosse weigerten sich. Kirchner, der Chef von Gesamtmetall, sagte: „Lieber vier Wochen Streik als eine Minute Arbeitszeitverkürzung“. Mit knapper Mehrheit kam es zu einem Kompromissabschluss auf fünf Jahre.

Quelle: Verdi Archiv
1984 dann geht die IG Druck und Papier in den Streik. 13 Wochen lang kämpfen die KollegInnen, Tageszeitungen können teilweise gar nicht erscheinen bzw. unter schwierigen Bedingungen. Die FAZ muss sogar teilweise mit dem Hubschrauber aus der Notdruckerei ausgeflogen werden, in machen Zeitungen wie der BILD bleiben an Streiktagen ganze Kommentarspalten einfach unbedruckt. Doch auch bei diesem Abschluss gibt es kein Einknicken der Bosse.

Im gleichen Jahr dann geht es in der Automobilindustrie los. Der Kampf der IG Metall wird aber auch mit einem Kompromiss aufgefangen. Verkürzung der Arbeitszeit auf bis zu 37 Stunden, dafür höhere Flexibilisierung der Arbeitszeiten. So sieht es dann auch in den anderen Branchen aus (Einzelhandel usw.). Auch hier wird gekämpft, meist wird die Arbeitszeit von 40 auf ca. 37 Stunden gedrückt. 1990 handelt die IG Metall dann aus, dass innerhalb von fünf Jahren die Arbeitszeit durchschnittlich auf 35-Stunden gesenkt werden muss. Doch die Unternehmerverbände freuen sich über ihre Flexibilisierungsmöglichkeiten und haben längst neue Wege gefunden um Arbeitszeiten zu bestimmen. Vor allem haben sie gelernt den Kampf nur noch auf betrieblicher Ebene führen zu wollen, um die Solidarität der Klasse zu brechen. Die Kampfbereitschaft von unzähligen aktiven und kämpfenden KollegInnen in dieser Zeit aber sollte uns heute Vorbild sein!

2003: Widerstand gegen die Agenda 2010?

1999 einigten sich DGB und Arbeitgeberverband im „Bündnisgespräch“ mit Kanzler Schröder und Minister Riester auf „Reformbereitschaft und -flexibilität“. Später wird mit der Durchführung massiver Arbeitsmarkt- und Sozialreformen begonnen. Die Hartz-Gesetze werden von der Rot-Grünen-Regierung verabschiedet. Damit wird der Niedriglohnbereich massiv ausgebaut. Walter Riester (ehem. 2. Vorsitzender der IG Metall und Arbeitsminister) und Peter Hartz (Volkswagen) gaben sich als verantwortungsvolle Gewerkschafter, die ja nur gegen die Arbeitslosigkeit vorgehen wollen. Doch die Hartz-Gesetze bedeuten Leiharbeit, Niedriglohn, Ich-AGs und Jobcenter und Arbeitsagenturen. Arbeitslosengeld und Sozialhilfe wurde schließlich zum Zwangssystem „Hartz IV“ zusammengelegt.


Zwar waren die DGB-Spitzen aufgrund ihrer Sozialpartnerschaftlichen Orientierung in das Projekt eingebunden, doch stand sie aufgrund des Drucks der Mitglieder in der Zwickmühle. Denn die Linken in den Gewerkschaften rebellierten. In der Öffentlichkeit meldeten sich z.B. hunderte WissenschaftlerInnen gegen die Agenda zu Wort. In der SPD rumorte es so stark, dass zur Beruhigung der Mitglieder Sonderkonferenzen und -parteitage abgehalten werden mussten. Am Ende spaltete sich 2004 sogar ein Teil des linken SPD-Flügels ab, der sich dann „Wahlalternative Arbeit Soziale Gerechtigkeit (WASG)“ nannte und später in der links-sozialdemokratischen Partei „Die Linke“ aufging.

Obwohl die Agenda 2010 gravierende Verschlechterungen zulasten der Arbeiterklasse bedeutet, bleibt ein koordinierter Widerstand der Gewerkschaften jedoch aus. Aber das hat die KollegInnen nicht vom Kampf abgehalten. 2003 protestierten in Berlin über 100.000 Menschen, ohne dass die DGB-Führung dazu aufgerufen hatte. 2004 waren es dann über halbe Million Agenda-GegnerInnen. Der Druck führte dazu, dass die Gewerkschaftsführung auf den Großdemonstrationen auftreten musste: Sommer vom DGB in Berlin (250.000 DemonstantInnen), Bsirske von ver.di in Stuttgart (150.000) und Peters von der IG Metall in Köln (100.000). Doch der Widerstand war zu schwach, 2005 trat dann Hartz 4 in Kraft.

2015: Einführung des gesetzlichen Mindestlohns

Der gesetzliche Mindestlohn wird eingeführt und auf 8,50 € vom Gesetzgeber festgelegt. Zwar ist der Mindestlohn eine alte gewerkschaftliche Forderung, doch wurde diese bisher immer klar verhindert. Nun war es eine Initiative der Regierung. Doch gibt es für alle, die dringend auf ein Einkommen zum Auskommen angemessen wären hunderte Ausnahmeregelungen und Schlupflöcher.

2015: Streiks im Sozial- und Erziehungsdienst

Die meist weiblichen Beschäftigten aus dem Sozial und Erziehungsdiensten des öffentlichen Dienstes, legen während eines Erzwingungsstreiks für vier Wochen die Arbeit nieder. Der erste Lösungsvorschlag wird sogar abgelehnt, nachdem die zahlenmäßig kleine Gewerkschaft GEW gegen ver.di dazu aufruft bei der Urabstimmung mit Nein zu stimmen. Das hoch gesteckte Ziel der Aufwertung des gesamten Bereichs konnte dann aber nicht erreicht werden. Doch die Auswirkungen des Streiks waren enorm. Denn die Arbeitsniederlegung bekommen fast alle zu spüren. Wenn die ErzieherInnen streiken, dann steht alles still! Trotz öffentlicher Anfeindungen haben viele KollegInnen Solidarität erfahren und v.a. Erfahrungen im Kampf gesammelt.

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